Aufruf zum Frauen*kampftag

No future without feminism?

Wir befinden uns im Jahr 2020 und in der dritten Welle der Frauenbewegung. Weltweit wirken patriarchale, frauen*feindliche Mechanismen, worunter über die Hälfte der Weltbevölkerung leidet. Betroffen sind nicht nur Frauen*, sondern auch Menschen, welche aufgrund ihrer sexuellen Identität von den sogenannten heteronormativen Vorstellungen abweichen (kurz: LGBTIQAI+). Für viele dieser Menschen bedeutet dies konkret: verringerte Lebens- und Entwicklungschancen, das Erleben von Gewalt in jeglicher Form, zerstörte Leben und/oder Tod – das alles aufgrund ihres Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. Je nachdem wo eine Frau* geboren wird, wirkt das Patriarchat mehr oder weniger dramatisch – aber es wirkt, immer!

Während in der Türkei, Indien, dem Iran oder in vielen Ländern des globalen Südens die Anzahl der Frauenmorde/Feminizide steigt oder bereits extrem hoch ist, wird in Polen das Recht der Frau auf Abtreibung beschnitten; in Russland wurde 2017 Gewalt in der Beziehung entkriminalisiert, obwohl dort jährlich um die 14.000 Frauen* von ihren Partnern ermordet werden. Im Oktober 2019 wurde Rojava, das für sein fortschrittliches politisches Modell und den Versuch, eine geschlechtergerechte gesellschaftliche Organisation zu implementieren, Opfer des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der Türkei unter Erdogan. Damit wird im Nahen Osten der konkrete Versuch, emanzipatorische Ideen in die Tat umzusetzen, von der Türkei angegriffen.

Auch in Deutschland nimmt die Gewalt gegen Frauen* zum Teil tödliche Formen an. Im Jahr 2020 wurden in den ersten sechs Tagen bereits vier Frauen* von ihren Partnern ermordet. Letztes Jahr verübte ein rechtsradikaler Mann, dessen Einstellung der antifeministischen Bewegung der Incels zuzuordnen ist, in Halle einen antisemitisch und rassistisch motivierten Anschlag auf eine Synagoge und einen Imbiss. Bei der Tat wurden zwei Menschen ermordet. Eine der zentralen Aussagen des Täters lautete: “Feminismus ist schuld an der niedrigen Geburtenrate des Westens”. Antifeminismus und seine biologistische, antiquierte Annahme, die vordergründige Aufgabe der Frauen sei das Gebären von Kindern, lässt sich mit antisemitischen und rassistischen Einstellungen verbinden, die auf eine ganz bestimmte Zusammensetzung der Bevölkerung ausgerichtet sind. Solche Einstellungsmuster sind nicht allein Teil einer extrem rechten Haltung, sondern auch in der sogenannten “Mitte” der Gesellschaft anzutreffen. Erschwerend hinzu kommt, dass Opfer von patriarchaler Gewalt oftmals nicht ausreichend Schutz und Solidarität erfahren.

Das globale Erstarken autoritärer, rechter Parteien und Diktatoren zeigt uns mehr denn je, wie notwendig es ist, emanzipatorische Entwicklungen weltweit zu stärken! Unter dem Titel ni una menos (dt.: keine mehr) begann 2015 in Argentinien der Kampf gegen Gewalt an Frauen* und weitete sich seitdem auf viele weitere lateinamerikanische Länder und die ganze Welt aus. Im Zusammenhang damit entstand eine Performance mit dem Sprechgesang Un violador en tu camino… (dt.: Ein Vergewaltiger auf deinem Weg), in dessen Text Strafe für Täter und ein Ende des Patriarchats gefordert wird. Dass diese Performance auf eine unglaublich hohe Resonanz gestoßen ist, ist ein Zeichen dafür, dass (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen* leider weltweit ein hochaktuelles Phänomen ist. Die Sichtbarkeit dieser Kämpfe kann als Erfolg für Frauen* weltweit verbucht werden. Das Private ist politisch und es ist an der Zeit anzuerkennen, dass es hier nicht um Einzelschicksale, sondern um die strukturelle Unterdrückung von Frauen* geht. Es geht nicht um vermeintliche Familiendramen oder Beziehungskrisen sondern um systematische Gewalt gegen Frauen*. Die Senkung der Tamponsteuer und eine vermeintlich bessere Finanzierung für den Ausbau von Frauenhäusern gehen uns nicht weit genug – 2020 kämpfen wir weiter!

Gemeinsam mit euch möchten wir aktiv werden, unsere Forderungen auf die Straße tragen, uns in der Öffentlichkeit treffen, diskutieren und austauschen. Lasst uns gemeinsam Wissenslücken schließen und Aufklärung betreiben, damit die in der Mitte einer patriarchalen Gesellschaft immer noch vorhandenen frauenfeindlichen Strukturen und Denkweisen ein Ende finden. Lasst uns die richtigen Fragen stellen, Vorurteile abbauen, sichere Räume schaffen und vor allem eine lebenswerte Zukunft für alle erkämpfen! Wir sind für eine solidarische Gesellschaft, in der sich Individuen auf Augenhöhe begegnen, denn nur so kann Gerechtigkeit und eine Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen entstehen.

Wir können ganz bestimmt sagen, KEINE ZUKUNFT OHNE FEMINISMUS! 


Kommt zur Demo am 07.03.2020!
Beteiligt euch an den feministischen Aktionswochen!